Provenienzforschung
Seit dem 1. April 2026 überprüft die Kunsthalle Bielefeld systematisch und proaktiv ihre Sammlungsbestände auf NS-verfolgungsbedingt entzogenes Kulturgut. Das zweijährige Forschungsprojekt nimmt die Herkunft von 151 Gemälden und 43 Skulpturen/Plastiken des städtischen Kunstbesitzes in den Blick, die im Zeitraum von 1933 bis 1974 erworben wurden.
Die offiziellen Anfänge der städtischen Sammlungsgeschichte liegen in der Gründung des „Städtischen Kunsthauses Bielefeld“ im Jahr 1928. Seit dieser Zeit wird die Sammlung stetig durch Ankäufe und Stiftungen erweitert und in entsprechenden Inventarbüchern geführt. Einen Schwerpunkt der Erwerbungspolitik bildeten zunächst die Werke lebender Künstler*innen der deutschen Moderne. Die im Januar 1933 erfolgte Machtübernahme durch die Nationalsozialisten führte zur ideologisch motivierten Absetzung des bis dahin als Leiter des Kunsthauses tätigen Lehrers Heinrich Becker. In der Folgezeit wurden die beiden Bildhauer Arnold Rickert (Amtszeit: 1933/34) und Georg Hengstenberg (Amtszeit: 1934–1944) als Leiter des Kunsthauses eingesetzt, die eine nach bisherigem Kenntnisstand weitestgehend NS-Kulturpolitik konforme Ausrichtung der Ausstellungen und Erwerbungen vorantrieben. Durch die nationalsozialistische Beschlagnahmeaktion „Entartete Kunst“ im Jahr 1937 wurden im Städtischen Kunsthaus mehr als 200 Werke verfemt und aus der Sammlung entfernt. Nach dem Ende der NS-Diktatur übernahm Heinrich Becker erneut die ehrenamtliche Leitung, bevor mit dem Kunsthistoriker Gustav Vriesen 1954 der erste hauptamtliche Direktor berufen wurde. Vriesen (Amtszeit: 1954–1960) und seine Nachfolger Eberhard Pinder (Interimszeit: 1960–1962) und Joachim Wolfgang von Moltke (Amtszeit:1962–1974) setzten den Wieder- und Neuaufbau der Sammlung fort, indem sie gezielt Werke von vorwiegend deutschen und französischen Künstler*innen der sogenannten Klassischen Moderne erwarben.
Ziel des Projekts ist die möglichst lückenlose Rekonstruktion der Provenienzen der 151 Gemälde und 43 Skulpturen/Plastiken. Im Falle der Identifikation von NS-verfolgungsbedingt entzogenem Kulturgut wird die Kunsthalle Bielefeld die betroffenen Werke in der Forschungsdatenbank „Lost Art“ veröffentlichen (www.lostart.de) und mit den heute rechtmäßigen Eigentümer*innen nach fairen und gerechten Lösungen suchen. Ein weiteres Ziel des Forschungsprojekts ist die tiefergehende Erforschung der Sammlungs- und Institutionsgeschichte der Kunsthalle Bielefeld und ihrer Vorgängerinstitution, insbesondere für die Zeit des Nationalsozialismus. Die Ergebnisse werden bei Ende des Forschungsprojekts der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Bereits während der Laufzeit sollen weitere Transparenzmaßnahmen Einblicke in die laufende Forschung bieten.
Die Provenienzforschung an der Kunsthalle Bielefeld wird vom Deutschen Zentrum Kulturgutverluste und dem Ministerium für Kultur und Wissenschaft des Landes Nordrhein-Westfalen gefördert.
Ansprechpartner: Jan Giebel, Kunsthalle Bielefeld, giebel@kunsthalle-bielefeld.de, T: +49-(0)521-3299950-55

