Provenienzforschung an der Kunsthalle Bielefeld

Ein Gespräch mit Jan Giebel

mit Fragen von Elena Süllwald, Juni 2026

Philipp Ottendoerfer mail@ottendoerfer.com +4917699032030
Jan Giebel, Kunsthalle Bielefeld, Foto: Philipp Ottendörfer

Seit April 2026 untersucht die Kunsthalle Bielefeld im Rahmen eines zweijährigen Forschungsprojekts systematisch die Herkunft ausgewählter Werke aus dem städtischen Kunstbesitz. Im Fokus stehen Gemälde sowie Skulpturen und Plastiken, die zwischen 1933 und 1974 erworben wurden. Ziel ist es, mögliche Fälle von NS-verfolgungsbedingt entzogenem Kulturgut zu identifizieren und zugleich die Geschichte der Sammlung und der Institution weiter aufzuarbeiten. Seit zwei Monaten ist Kunsthistoriker Jan Giebel an der Kunsthalle Bielefeld im Bereich Provenienzforschung tätig. Im Interview spricht er über seine ersten Eindrücke, die Herausforderungen der Recherchearbeit und darüber, warum Provenienzforschung weit mehr ist als reine Archivarbeit.

Du bist seit April 2026 für die Provenienzforschung an der Kunsthalle Bielefeld verantwortlich. Wie würdest du deine Aufgabe jemandem erklären, der den Begriff „Provenienzforschung“ zum ersten Mal hört?

Die Provenienzforschung ist eine zentrale Aufgabe in Museen. Sie untersucht die Herkunft von Kunstwerken und anderen Kulturgütern – und damit auch die Lebenswege der Menschen, denen sie früher gehörten. Man kann sich die Provenienz wie die „Biografie“ eines Kunstwerks vorstellen: Jedes Objekt hat eine eigene Besitzgeschichte. Bevor es in ein Museum gelangt, durchläuft es oft viele Stationen. Es wird von Künstler*innen geschaffen, möglicherweise in einer Galerie gezeigt, von Sammler*innen gekauft, vererbt, weiterverkauft oder über Auktionen gehandelt, bis es schließlich Teil einer Museumssammlung wird. Diese Beispiele lassen vielleicht erahnen, wie unterschiedlich die Wege sein können.

 

Warum ist Provenienzforschung in Museen so wichtig?

Provenienzforschung hat heute in der Regel die Aufgabe, Kulturgüter zu identifizieren, die ihren Eigentümer*innen in der Vergangenheit unrechtmäßig entwendet wurden. Mit dem Projekt an der Kunsthalle Bielefeld wird die Sammlung auf sogenanntes NS-verfolgungsbedingt entzogenes Kulturgut oder kurz: NS-Raubgut überprüft. Deshalb ist es wichtig, die genauen Umstände der Besitzwechsel zu erforschen – insbesondere für den Zeitraum zwischen 1933 und 1945. Nur so lässt sich klären, ob diese Besitzwechsel auch wirklich freiwillig und rechtmäßig erfolgten.
Neben Kunstmuseen betreiben heute auch zahlreiche andere Museen und kulturgutbewahrende Institutionen, wie z. B. Naturkundemuseen oder Bibliotheken, Provenienzforschung. Je nach Profil und Sammlungsgeschichte können dabei auch andere historische Unrechtskontexte erforscht werden. Neben der NS-Zeit sind das in Deutschland koloniale Kontexte und die Zeit der Sowjetischen Besatzungszone und DDR.

 

Was genau ist das Ziel des Projekts in der Kunsthalle Bielefeld?

In den zwei Jahren Projektlaufzeit sollen zunächst die Provenienzen von 151 Gemälden und 43 Skulpturen/Plastiken aus dem städtischen Bestand der Kunsthalle Bielefeld möglichst lückenlos rekonstruiert, erforscht und dokumentiert werden. All diese Werke sind zwischen 1933 und 1974 in die Sammlung gelangt. Der Zeitraum umfasst sowohl die NS-Zeit als auch die Nachkriegsjahre bis zum Ende der Amtszeit von Joachim Wolfgang von Moltke, dem dritten Nachkriegs-Direktor der Kunsthalle Bielefeld. Eine umfangreiche museale Sammlung kann nur Schritt für Schritt geprüft werden, deshalb macht es Sinn, die Sammlungsgeschichte nach Ankaufsphasen zu untersuchen. Außerdem liegt der Fokus zunächst auf Gemälden und Skulpturen/Plastiken. Im Fall von unikalen Gemälden und Skulpturen besteht zumeist eine eindeutigere und bessere Quellenlage als beispielsweise bei seriellen Druckgraphiken, die oft in hohen Auflagen erschienen sind. Dennoch ist es perspektivisch natürlich genauso notwendig, den Graphikbestand zu erforschen. Ein wichtiges Anliegen des Projekts ist zudem der transparente Umgang mit den Ergebnissen.

 

Das Projekt soll auch die Institutionsgeschichte der Kunsthalle weiter erforschen. Warum ist dieser Blick auf die eigene Geschichte wichtig?

Ich denke, dass eine offene Auseinandersetzung mit der eigenen Institutions- und Sammlungsgeschichte zum Selbstverständnis einer modernen Kulturinstitution im 21. Jahrhundert gehört. Die Kunsthalle Bielefeld hat eine bedeutende Sammlung, die über Jahrzehnte gewachsen ist. Viele Werke wurden in bedeutenden internationalen Ausstellungen im frühen 20. Jahrhundert ausgestellt oder befanden sich im Besitz und im Handel wichtiger Förder*innen der modernen Kunst. All diese Geschichten und Verbindungen lassen sich durch Provenienzforschung sichtbar machen. Sie helfen, die Sammlung besser zu verstehen, und können zu neuen Perspektiven und Themen für die Zukunft führen.
Gleichermaßen ist es für ein Museum in seiner Rolle als öffentlicher Ort der Bildung und demokratischen Teilhabe aber auch wichtig und notwendig, sich kritisch mit den problematischen Aspekten der Institutionsgeschichte auseinanderzusetzen. Da die Kunsthalle erst 1968 eröffnet wurde, richtet sich der Blick vor allem auf ihre Vorgängerinstitution, das Städtische Kunsthaus Bielefeld. Dabei geht es um die Frage, inwiefern diese von der NS-Diktatur profitierte und welche Rolle sie bei der Verbreitung nationalsozialistischer Ideologie und Propaganda spielte.

 

Woran arbeitest du im Moment konkret?

Aktuell erforsche ich die Herkunft von Werken aus dem Gemäldebestand, die zwischen 1949 und 1974 erworben wurden. Dazu recherchiere ich in den Akten des Museums, aber auch in zahlreichen Archiven und historischen Katalogen. Auch die Kunstwerke selbst können Hinweise liefern, da sie oft Stempel, Etiketten oder Beschriftungen von früheren Besitzer*innen auf der Rückseite aufweisen.

 

Die Sammlungsgeschichte der Kunsthalle reicht bis in die späten 1920er Jahre zurück. Welche Rolle spielt dabei die NS-Zeit?

In der NS-Zeit kam es zu zahlreichen erzwungenen Vermögensverlusten. Die vom NS-Staat erlassenen antisemitischen Gesetze und Verordnungen zielten ab 1933 auf die gesellschaftliche Ausgrenzung und wirtschaftliche Ausplünderung der jüdischen Bevölkerung – etwa durch Berufsverbote, diskriminierende Sondersteuern oder die sogenannte Arisierung von Geschäften. Viele Menschen sahen sich zum Verkauf von Kulturgütern und Wertgegenständen gezwungen, um ihrer verfolgungsbedingten Verarmung entgegenzuwirken oder um ihre Emigration ins rettende Ausland zu finanzieren. In anderen Fällen beschlagnahmten NS-Behörden das Umzugsgut von Emigrant*innen oder den Besitz von deportierten und ermordeten Menschen.
Da sich viele NS-verfolgungsbedingt entzogene Kulturgüter noch heute in öffentlichen und privaten Sammlungen befinden, haben sich die Bundesrepublik Deutschland und zahlreiche andere Nationen 1998 bei einer Konferenz in Washington auf die sogenannten Washingtoner Prinzipien geeinigt. Diese sind – kurz gesagt – eine Selbstverpflichtung zur weiteren proaktiven und systematischen Suche nach NS-Raubgut. Die Stadt und die Kunsthalle Bielefeld setzen diese Selbstverpflichtung mit dem laufenden Projekt um.

 

Was passiert, wenn sich tatsächlich Hinweise auf NS-verfolgungsbedingt entzogenes Kulturgut ergeben?

Wenn im Rahmen der Provenienzforschung eindeutig belegt werden kann, dass ein Kulturgut während der NS-Zeit verfolgungsbedingt entzogen wurde, sehen die bereits erwähnten Washingtoner Prinzipien und deren nationale Folgeerklärungen die Suche nach einer sogenannten gerechten und fairen Lösung mit den rechtmäßigen Eigentümer*innen bzw. deren Erb*innen vor. Eine solche Lösung kann sehr unterschiedlich aussehen. Oft werden die Kulturgüter restituiert, also zurückgegeben. In manchen Fällen werden die Werke anschließend vom Museum zurückgekauft oder als Dauerleihgabe wieder in die Sammlung aufgenommen. Verbleiben sie auf diese Weise im Museum, wird ihre Geschichte, einschließlich die der früheren Besitzer*innen und der Umstände ihres Erwerbs, in der Regel zusammen mit dem Werk vermittelt.
Die Provenienzforschung liefert mit ihren Ergebnissen die wissenschaftliche Grundlage, auf der dann eine gerechte und faire Lösung gefunden werden kann. Oft sind Provenienzforscher*innen auch bei der Ermittlung der heute rechtmäßigen Erb*innen involviert. Welche Konsequenzen aus den Forschungsergebnissen gezogen werden, entscheiden jedoch in der Regel politische oder institutionelle Gremien.

 

Provenienzforschung klingt nach sehr intensiver Archivarbeit. Gibt es Momente, die besonders motivierend sind?

Ja, das stimmt: man sucht und recherchiert viel in Archiven, Akten oder Publikationen – das muss man auf jeden Fall mögen. Natürlich gibt es manchmal auch zähe oder gar frustrierende Recherchen, da aufgrund der verstrichenen Zeit Lücken entstanden sind oder Fragen zunächst offen bleiben müssen. Aber zähe Momente gehören wohl zu jedem Beruf dazu.
Die Provenienzforschung ist ein sehr interdisziplinäres und kollegiales Arbeitsfeld. Am Anfang einer Recherche weiß man oft nie, wohin diese am Ende führen wird. Erst nach und nach fügen sich die gesammelten Hinweise und Erkenntnisse aus den verschiedensten Quellen zu einer größeren Geschichte zusammen. Das klappt oft nur im Austausch mit den unterschiedlichsten Kolleg*innen aus Museen, Archiven oder dem Kunsthandel. Das primäre Ziel dieser Arbeit, die Sammlung auf mögliches NS-verfolgungsbedingt entzogenes Kulturgut zu prüfen, ist ebenso motivierend wie die vielen erforschten Geschichten hinter den Kunstwerken, die nahezu alle erzählenswert sind.

Das Projekt wird gefördert vom Deutschen Zentrum Kulturgutverluste und dem Ministerium für Kultur und Wissenschaft des Landes Nordrhein-Westfalen.

Der Text Deutsches Zentrum Kulturgutverluste, davor links eine petrolfarbene Winkel-Form, wie ein gespiegeltes L.
Schwarz-weiß Logo, linksbündig der Name der Institution und rechtsbündig das Wappen des Bundeslandes Nordrhein-Westfalen.