Mathilda Abker: Geteilte Ansichten – Wie Besucher*innen Werke ohne Kontext lesen
Kooperation mit der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf 2026

Dieser Beitrag entstand im Rahmen einer Kooperation zwischen der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf (HHU) und der Kunsthalle Bielefeld zur Ausstellung „Geteilte Ansichten“. Die Befragungen und deren Auswertung wurden im Rahmen des studentischen Vermittlungsprojekts durchgeführt.
Über das Projekt: Während eines Semesters setzten sich Studierende mit Werken der Ausstellung auseinander und konzipierten Beiträge, die sich künstlerisch oder forschend mit Werken auseinandersetzten, andere formulierten Ideen für Social Media, weitere überlegten, wie die Ausstellung vor Ort im Museum vermittelt werden könnte.
„Das Schönste an der Kunst ist doch: Du hast ein Bild und du kannst tausend Ansichten haben – geteilte Ansichten.“
Mit diesem Satz bringt eine Besucherin den Kern der aktuellen Ausstellung in der Kunsthalle Bielefeld auf den Punkt. Die Schau Geteilte Ansichten, die in Kooperation mit der Sammlung KiCo entstand, widmet sich den vielfältigen Formen des Zusammenwirkens, Trennens und gemeinsamen Gestaltens. Innerhalb dieses Rahmenkonzepts beschäftigt sich ein spezifischer Raum mit dem Schwerpunktthema der geteilten Arbeit, wo die Mailed Paintings von Karin Sander auf die filigranen Spinnennetz-Installationen von Tomás Saraceno treffen.
In dem Raum befinden sich zwei Werke von Karin Sander an der einen Wand und zwei große Bilder von Tomas Saraceno an der gegenüberliegenden Wand. Eine weitere Arbeit von Saraceno, die sich in einem Plexiglas-Würfel befindet, schwebt am Eingang des Raumes. Um zu untersuchen, wie sich dieser kuratorische Ansatz ohne vorgefertigte Erklärungen erschließt, wurden für ein Vermittlungsexperiment sämtliche Wandbeschilderungen abgeklebt. Somit wurden die Besucher*innen vom unvoreingenommenen Erstkontakt bis zur Enthüllung der Wandtexte begleitet. Durch die verschiedenen Blickwinkel der Betrachter:innen offenbart sich ein Spektrum an unterschiedlichen Perspektiven.
Der erste, unvoreingenommene Blick zwingt die Besuchenden, visuell und assoziativ zu arbeiten. Details wie das DHL-Klebeband an einem von Sanders Werken geben Denkanstöße:
„Das hat mich so ein bisschen an ein Paket erinnert. […] Man kann Geschenke verschicken, Dinge bestellen.“
„Und ein DHL-Paket. Das ist offensichtlich.“
Zugleich wird das schwarze Paketband auf den Mailed Paintings auch als Motiv der Trennung erkannt; Begriffe wie „Fenster“, „Schnitt“ und „Teilfläche“ werden genannt:
„Das ist für mich eine geteilte Ebene. Das kann für mich auch verschiedene Dinge bedeuten. Es kann Zeit sein, Raum sein oder Menschen, die geteilt sind.“
Die Oberfläche der Werke Sanders spricht für sich. Das Publikum liest ihre Bilder über ihre raue Haptik und Gebrauchsspuren als Objekte, die „von etwas erzählen, was eine Teilung erfahren hat“. Durch die Gebrauchsspuren erschließen sich ebenfalls die Begriffe von Bewegung und Vernetzung:
„Ein Symbol für Bewegung und den Transport von Ort zu Ort.“
Genauso leitet auch die Form der Leinwand die Assoziationen:
„Ein Rad als Symbol für tatsächlich Bewegung, für Transport, Bewegung von etwas“, bemerkt eine Besucherin vor einem kreisförmigen Werk Sanders.
An diesen Reaktionen wird deutlich, welche spezifischen Details, von der Form über die Textur bis hin zum Paketband, unsere Wahrnehmung lenken und die Interpretation prägen. Obwohl das Publikum bereits Assoziationen rund um Transport, Trennung und Bewegung formulieren konnte, lag der eigentliche Kern des kuratorischen Konzepts an dieser Stelle noch im Verborgenen.
Ganz andere Assoziationsräume eröffnen sich bei der Betrachtung der Werke von Tomás Saraceno:
„Es hat etwas Organisches. Zellen, Sporen, etwas in dieser Art.“
„Ein feiner Haarriss im Glas oder im Eis.“
„Ich dachte jetzt eher so, dass es so eine Teilung gibt, die man aber kaum spürt […] wie so ein ganz, ganz kleiner Riss.“
„Sehr vielschichtig, es ist sehr kleinteilig. Keine Form ist irgendwie gleich.“
Dass die Besucher:innen beim ersten Betrachten direkt erkennen, dass es sich um Spinnweben handelt, bleibt die Ausnahme. Dennoch gibt es Annäherungen wie „alles ist irgendwie verwoben miteinander“ oder bereits sehr konkrete Einordnungen wie „Netze von einer Spinne, die ich gar nicht treffen möchte“.
Spannend bleibt die Bandbreite der verschiedenen Ansätze: Manche beschreiben rein die Formensprache, andere knüpfen freie Assoziationen oder beobachten das räumliche Verhältnis der Strukturen zueinander:
„Das ist sehr fragil irgendwie […] der Versuch ist da, zusammenzufinden. Es ist irgendwie zusammen, aber irgendwie doch noch geteilt.“
Eine ehrliche Überforderung bei der Aufgabe, diese konzeptuelle Kunst ganz ohne Kontext zu interpretieren, zeigt sich sowohl bei Sanders, als auch bei Saracenos Werken. So gesteht eine Besucherin schmunzelnd:
„Ich habe immer noch ein riesengroßes Fragezeichen im Kopf.“
Mit der schrittweisen Enthüllung der Titel wandelt sich bei den meisten Besucher:innen Verunsicherung in Begeisterung. Saraceno lässt echte, teils unterschiedliche Spinnenarten nacheinander im selben Raum weben. Sander wiederum grundiert Leinwände weiß und verschickt sie ungeschützt per Post von Ausstellungsort zu Ausstellungsort, wobei sich aus den verschiedenen Orten schlussendlich der jeweilige Titel ergibt. Die Gebrauchsspuren der Logistikketten formen das Werk.
Mit dieser Aufdeckung verschiebt sich die Perspektive grundlegend. Nicht mehr nur die eigene Handschrift des Künstlers steht im Mittelpunkt, sondern der Prozess des Teilens. Die Reaktionen der Befragten spiegeln genau diese Erkenntnis über die Einbindung postalischer Wege und tierischer Akteure wider:
„Das passt total gut zusammen: Hier die Post und der Transportweg durch Menschenhand, dort das Netz der Spinnen als natürliches Transportsystem im Raum.“
Der Begriff „Vernetzung“ tauchte häufiger in den Gesprächen auf, da er zum einen die Vernetzung durch die Transportketten beschreibt, sich aber auch auf die echten Vernetzungen in Saracenos Werken übertragen lässt. Die Vernetzung spielt sich bei Sander versteckt im Hintergrund ab, während sie bei Saraceno den Inhalt seiner Arbeiten darstellt:
„Es zeigt eigentlich, wie sehr wir alle miteinander vernetzt sind: Menschen, Logistikketten, aber eben auch Tiere und die Natur. Das ist wie ein Netz, das sich über alles legt.“
Auch Gedanken zur Autorenschaft und der Übertragbarkeit auf das Alltägliche fanden Platz in den Gesprächen:
„Das Faszinierende ist ja, dass der Künstler oder die Künstlerin die Kontrolle komplett abgibt. Das Werk entsteht durch den Zufall, durch den Transport oder dadurch, was die Spinne gerade macht.“
„Das bringt einen dazu, darüber nachzudenken, wie viele Hände oder Akteure an Dingen beteiligt sind, die wir täglich sehen, ohne darüber nachzudenken.“
„Das ist ja so ein bisschen wie in einer Familie auch. Jeder kriegt Aufgaben […]. Entweder sind wir ärgerlich, weil wir den Müll rausbringen müssen… Und daraus entsteht dann das große ganze Konzept.“
In zahlreichen Reaktionen folgte auf die schrittweise Enthüllung automatisch auch eine persönliche Einordnung des Vermittlungsexperiments und seiner Wirkung auf die eigene Wahrnehmung:
„Dass man der Natur oder den Umständen so viel Raum gibt, das Werk mitzugestalten – das hätte ich ohne den Text niemals darin gesehen.“
„Ohne das Schild war ich ehrlich gesagt verloren. Aber jetzt macht es richtig Klick.“
„Das ist wie ein kleines Glücksgefühl, wenn man das dann versteht.“
Es zeigt sich: Kontextuelle Informationen vorgegeben zu bekommen bedeutet nicht, dass das eigene Hinsehen wertlos wird. Der Wandtext ersetzt nicht die persönliche Entdeckung, sondern legt lediglich eine weitere Spur aus. Er gibt einen Impuls, ohne den Raum für freie Gedanken zu verschließen. Am Ende steht die Erkenntnis, dass das Durchdringen von Kunst immer ein Dialog bleibt – zwischen der eigenen Assoziation, der Idee der Künstler:innen, den Umsetzungen in einem Ausstellungskonzept und den vielen Blickwinkeln dazwischen. Eben ein Raum für tausend Möglichkeiten und geteilte Ansichten.
Mathilda Abker
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