Duane Linklater. mâcistan

Eine Gerüstkonstruktion in einem Ausstellungsraum. Am Gerüst hängen zwei große farbige Netze, darauf mehrere Gemälde. Innen wohl Möbel.
Duane Linklater. mâcistan. Installationsansicht Kunsthalle Bielefeld. Foto: Philipp Ottendörfer

Wenn im Frühjahr das Eis aufbricht, gerät der Fluss wieder in Bewegung. Schollen lösen sich, treiben auseinander und schaffen Raum für Neues. „mâcistan“ bezeichnet genau diesen Moment des Übergangs – einen Zustand des Wandels und der Neuordnung. Das Wort kommt aus der Sprache der Mushkego Inniniw, einer Indigenen Gemeinschaft im Gebiet des Vertrags Nr. 9 (Nordontario, Kanada). Unter diesem Titel entwickelt der kanadische Künstler Duane Linklater (*1976) seine erste institutionelle Einzelausstellung in Deutschland in der Kunsthalle Bielefeld.

Sammeln, Fürsorge und Verantwortung

Ausgangspunkt der Ausstellung ist das Konzept des „Cache“, eines Horts. In Indigenen Kulturen Kanadas ist das ein vorläufiger Ort zur Aufbewahrung und Weitergabe von Gegenständen, Wissen und Erinnerungen. Linklater überträgt dieses Prinzip in eine offene Struktur aus Baugerüsten. In diese Cache-Konstruktionen integriert er Gemälde, Skulpturen, gefundene Objekte, Möbelstücke und persönliche Dinge. Die einzelnen Elemente werden in den Caches präsentiert und zugleich gelagert – als warteten sie auf eine zukünftige Bedeutung.So entsteht eine Präsentation, die zugleich Archiv und künstlerische Installation ist. Persönliche und familiäre Objekte treffen auf Materialien, Bilder und Referenzen zur Geschichte und Gegenwart Indigener Kulturen im heutigen Kanada. Dort ringen Indigene Gemeinschaften bis heute um die Bedeutung ihrer Objekte und die Rechte an ihnen. Es geht um Fragen von Besitz, kultureller Zugehörigkeit und Deutungshoheit. Linklater stellt diese Fragen auch uns: Was bewahren wir? Was geben wir weiter? Und wer entscheidet das?

Gemeinsam mit Duane Linklater haben wir Werke aus unserer Sammlung um die Arbeiten des Künstlers arrangiert. Hierbei wurden Arbeiten ausgewählt, in denen florale Motive mehr sind als dekorative Elemente. Welche Bedeutung tragen sie und worauf verweisen sie? Weitere Informationen dazu finden Sie auf der Ausstellungsseite „Blumen überall. Blick in die Sammlung #12“.

 

Die Ausstellung wird gemeinsam mit dem Künstler, der Secession, Wien, und der Galerie Rudolfinum, Prag, konzipiert und für die Kunsthalle Bielefeld in einer eigens entwickelten Form präsentiert.

Ganz links ein schwarzer Kreis mit einem schwarzen umgekehrten Dreieck darin. In dessen Mitte ein weißes, aufrechtes Dreieck liegt. Nach rechts folgt ein schwarzer serifenloser Schriftzug des Galerienamens.
In schwarzer serifenloser Schrit steht dort ,secession

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Medienguide

Duane Linklater. mâcistan

Diese Beiträge beziehen sich hauptsächlich auf Werke von Duane Linklater. In einem Fall ist ein Werk aus der Sammlungspräsentation „Blumen überall“ mit genannt, die in Kombination mit Linklaters Arbeiten präsentiert wurde.
Text, Sprecher, Produktion: Matthias Albrecht

Eine Konstruktion aus Baugerüstteilen, gefüllt mit Objekten aus Duane Linklaters Leben – Kleidung, Möbel, ein Eishockeyhelm, ein Anzug mit Blitzen sowie mit Ornamenten aus Kupfer.

Jedes Stück ist bearbeitet,
trägt Spuren von Gebrauch und Bedeutung. Der Blitz ist ein Symbol für Energie und Kraft. In Duane Linklaters Kultur der Omaskēko Ininiwak steht er auch für menschliche Präsenz und menschliches Handeln. Er erscheint immer wieder in dieser Ausstellung.

Was hat es mit dem Kupfer auf sich?
Dieses Metall verweist auf den Raub von Ressourcen durch Kolonialmächte, der Indigene Kulturen bis heute prägt. Kanada ist reich an Bodenschätzen. Für deren Ausbeutung wurde zumindest früher keine Rücksicht auf Indigene genommen, sie wurden auch lange nicht an Gewinnen beteiligt.

Was genau ist ein Cache?
In Indigenen Kulturen Kanadas ist das ein vorläufiger Ort der Aufbewahrung und Fürsorge. Werkzeuge, Vorräte und Wissen werden dort gespeichert – nicht als endgültig abgeschlossenes Archiv, sondern als stets in Veränderung und Bewegung bleibende Ressource für die Zukunft. Ein Cache kann ergänzt, neu geordnet und angepasst werden.

Neben der Gerüstkonstruktion an der Wand hängt ein westfälischer Kissenbezug aus dem 17. Jahrhundert, mit Blumenmuster – ein europäisches Erbe.

Linklater fragt:
Was bewahren wir? Was geben wir weiter? Und welche Dinge sind charakteristisch für eine Person?

Wieder ein Gerüst, aber diesmal größer, voller Gegenstände: Stühle, Basketbälle, Decken, Teile von einem Schlagzeug. Und dazwischen hängen Gemälde mit seltsamen, wurzelartigen Formen. Sie zeigen in verschiedenen Varianten Umrisse Nordamerikas.

An einer Seite des Gerüsts hängt ein rosafarbenes Tuch. Darauf siehst du eine rote Kreisform –sie zeigt die James Bay-Region im Norden Kanadas. Dies ist das Gebiet der Moose Cree First Nation. Doch das Tuch trägt noch etwas anderes: dunkle Flecken, fast wie Schatten. Sie stammen von Fotos der Ruinen der St. Anne’s Indian Residential School. Das war eine Schule von vielen, in der Indigene Kinder zwangsweise untergebracht waren. Sie durften ihre Sprache nicht sprechen, ihre Kultur nicht leben. Ihre bisherige kulturelle Identität sollte ausgelöscht werden. Körperliche und seelische Gewalt waren an der Tagesordnung. Diese Schule bestand bis 1976 – und Familienmitglieder von Duane Linklater mussten sie besuchen.

Bei cache_olderbrother_2 in der Eingangshalle ging es um die Frage: Was hinterlassen wir? Hier ist die Frage eher: Was bewahren wir – und was wurde uns genommen?

In diesem Cache stecken auch Trommeln und Drumsticks. Vielleicht fragst du dich: Warum ein Schlagzeug? Musik verbindet Menschen, sie trägt Geschichten weiter. Sie ist wichtig für kulturelle Identität. In den Residential Schools durfte keine Indigene Musik erklingen.

Never eat shredded wheat – nanu? Weshalb sollte man keinen Weizenschrot essen? Nein, darum geht es hier nicht. Es ist eine Eselsbrücke für die Himmelsrichtungen.
Diesen waren bei den Cree unterschiedliche Farben und Bedeutungen zugeordnet: Osten (Gelb oder Weiß) steht für den Morgen, für Geburt und Neuanfang – wie die erste Sonne, die den Tag erhellt. Süden (Rot) ist die Lebensfülle, die Jugend, die Energie des Sommers. Westen (Blau oder Schwarz) markiert den Abend, die Reife, die Zeit der Reflexion. Und Norden (Weiß)? Dort liegt die Weisheit des Alters, die Stille des Winters.

In never eat shredded wheat richtet Linklater das Werk an jedem Ausstellungsort neu nach den Himmelsrichtungen aus. In der Kunsthalle Bielefeld steht die Installation diagonal – und schafft dadurch eine Verbindung vom aktuellen Ausstellungsort zum Ordnungs- und Bedeutungssystem der Cree.

Das Fußballtrikot ist dir bestimmt schon aufgefallen: Mit der 10 ist es das Trikot des Spielmachers. Duane steht darauf – Linklater macht sich also selbst zur wichtigsten Person des Spiels. Vielleicht will er damit zeigen, dass er als Indigener Künstler es im von Weißen dominierten Kunstbetrieb geschafft hat.

Wie denkst du darüber?

Stehst du vor der skulpturalen Arbeit northbaywood, northbaystone, spürst du vielleicht zuerst ihre schlichte, fast stille Präsenz. Holz und Stein – Materialien, die Linklater aus seiner Heimatregion in Kanada mitbringt. Sie sind nicht nur Objekte, sondern Träger von Geschichten: von Land, das seit Generationen bewohnt, genutzt und auch entwendet wurde. Das Holz erinnert an die Wälder um North Bay, wo Linklater aufgewachsen ist. Der Stein könnte ein Stück der Erde sein, über die seine Vorfahren liefen – oder die Kolonisten, die das Land umgestaltet haben.

Was verbindest du mit Holz und Stein? Sind es für dich einfach nur natürliche Materialien – oder auch Symbole für Beständigkeit und Widerstand?

Dieser Cache ist anders.
Er ist nach allen Seiten offen – keine Netze, weniger Barrieren. Nichts trennt dich von den Dingen. Warum ist das so? Vielleicht, weil Duane Linklater hier nicht nur Objekte ausstellt, sondern eine Einladung ausspricht: Schau genau hin. Nimm dir Zeit.

Linklater hat persönliche Gegenstände arrangiert: Kleidungsstücke, ein bemaltes Möbelstück, einen Stein. Jedes davon trägt eine Geschichte – zum Beispiel mit seinem jüngeren Bruder. Oder Tatlins Turm, eine kleine Version des berühmten nie verwirklichten Modells der russischen Avantgarde. Damit verbindet Linklater eine Erinnerung aus seiner Schulzeit: Als sein Lehrer fragte, wer diesen Turm kennt, meldete er sich als Einziger. Der Lehrer war überrascht – als ob ein Indigener Jugendlicher so etwas nicht wissen könnte.

Auf einer Leinwand graue, schwarze und fliederfarbene wolkige Farbflächen. Darauf mehrere rote Blitze und hellbraune Tropfenformen.
Duane Linklater, storm (2025), Foto: Kunsthalle Bielefeld

Vor diesen beiden Gemälden spürst du sofort: Hier geht es um mehr als nur Farbe und Form. Es geht um Stimmung, Kraft und den Moment, in dem die Natur uns zeigt, wer wirklich das Sagen hat.

Links siehst du „Storm“ von Duane Linklater. Ein Werk, das dich mitten hineinzieht – in den Sturm, in das Chaos. Die roten Blitze zerschneiden das Bild wie Warnsignale. Linklater zeigt uns nicht, wie ein Sturm aussieht, sondern wie er sich anfühlt. Er lässt uns die Unberechenbarkeit, die rohe Energie der Natur erleben. Wann warst du das letzte Mal in einem richtigen Sturm? Wie hat sich das angefühlt?

Rechts daneben hängt „Königskerze und Mohn“ von Ernst Sagewka, einem Bielefelder Künstler. Hier ist die Stimmung eine andere: Der Himmel ist dunkel, bedrohlich, aber der Fokus liegt auf den leuchtend roten Mohnblumen und der stolzen Königskerze. Es ist der Moment vor dem Unwetter, wenn die Luft schwer ist und alles stillzustehen scheint. Sagewka fängt diese gespannte Ruhe ein – die Natur hält den Atem an. Was siehst du in diesem Stillstand? Erinnert es dich an eine Situation, in der du gewusst hast: Gleich ändert sich alles?

Vor dir steht ein Kranich aus Ton, Heu, Stroh und Gras. Sein Blick richtet sich nach draußen – in den Himmel über dem Park. Duane Linklater formte ihn als rarebird: ein Wesen, das nur noch selten zu sehen ist, ein in Kanada seltener Vogel.

In einer Erzählung der Moose Cree erscheint der Kranich als Schutzwesen – er kümmert sich um leidende Kinder.

Als Zugvogel verbindet er Orte und Zeiten. Sein seltener Anblick in Kanada erinnert an den Verlust von Lebensraum – und an die Frage: Was bewahren wir für zukünftige Generationen?

Blumen überall. Blick in die Sammlung #12

Diese Beiträge widmen sich der Sammlungspräsentation, die von der Kunsthalle Bielefeld gemeinsam mit Duane Linklater begleitend zu seinen Arbeiten ausgewählt wurden.
Text, Sprecher, Produktion: Matthias Albrecht

Ein abstraktes expressionistisches Bild mit vielen Farben und Formen. Näher betrachtet: Eine Familienszene. Mutter mit Baby an der Brust, dahinter steht ein Mann, beide betrachten das Baby. Ansonsten im H intergrund ein Tisch mit Tulpen und rechts zwei Vierbeiner, die wie eine Mischung aus Hund und Katze aussehen.
Heinrich Campendonk, Familienbild, um 1914

Du stehst vor einem Gemälde, das eine Familie in einem ganz besonderen Moment zeigt: Eine Mutter, ein Vater und ein Baby, eng beieinander, fast wie in einem Schutzraum. Dazu Blumen. Eine große Vase mit Tulpen dominiert die linke Seite des Bildes. Sie sind nicht einfach nur hübsch anzusehen, sondern stecken voller Bedeutung.

In der Kunst stehen Blumen oft für Vergänglichkeit, Schönheit oder sogar für spirituelle Botschaften. Denk zum Beispiel an die Lilie, die in der christlichen Kunst für Reinheit steht. Doch Heinrich Campendonk, ein Künstler der Gruppe „Der Blaue Reiter“, gibt den Blumen hier eine ganz eigene Sprache. Sie ranken sich um die Familie, verbinden die Figuren mit der Natur und schaffen eine fast magische Einheit. Die grünen Blätter am Stuhl der Mutter und an der Hand des Vaters wirken, als würden sie sagen: „Wir sind eins – Mensch und Natur, Familie und Umwelt.“

Campendonk und seine Künstlerfreunde vom „Blauen Reiter“ wollten am Anfang des 20. Jahrhunderts die Kunst neu denken. Für sie war die Natur nicht nur Kulisse, sondern ein lebendiger Teil des Lebens. Die Blumen in diesem Bild sind genau das: Sie sind lebendig, fast als würden sie atmen.

Wie ist deine Verbindung zur Natur?

In einem dunklen Zimmer sitzt eine Frau mit erhobener recher Hand auf einem Stuhl. Rechts von ihr kniet ein Engel, der eine Lilie in der Hand hält. Maria hat einen Heiligenschein. Es sieht ein wenig so aus, als ob der Engel ihr etwas anbietet. In a dark room, a woman sits on a chair with her right hand raised. To her right, an angel is kneeling, holding a lily. Mary has a halo. It looks a little as though the angel is offering her something.
Unbekannt, Verkündigung Mariä (ohne Datierung), Foto: Kunsthalle Bielefeld

Zwei Figuren, ein Raum, ein Moment, der für gläubige Christen die Welt veränderte.

Schau genau hin: Maria sitzt auf einem Stuhl, ein Buch (vermutlich eine Bibel) in der Hand, als würde sie gerade lesen – oder vielleicht beten. Ihr Blick ist gesenkt, aber ihr Körper ist angespannt. Der Engel gegenüber hält eine weiße Lilie, ein Symbol für Reinheit. Doch seine Geste ist nicht sanft, sondern fast drängend. Seine Flügel hat er ausgebreitet.

Was fällt dir als Erstes auf?
Ist es das Licht, das von oben einfällt, als würde es die Szene erhellen – oder ist es der Schatten, der sich über den Boden zieht? Vielleicht sind es die Blumen in der Vase auf dem Tisch, die so still dastehen.

Denk noch einmal an den Cache im Nebenraum.
An die blauen Gerüste, die Alltagsgegenstände, die Gemälde mit den Umrissen Nordamerikas – und die Fotografie der Ruinen der St. Anne’s Residential School. Dort ging es um Gewalt, die im Namen des Christentums geschah. Hier, vor diesem Gemälde, geht es um eine Botschaft, die Heil verspricht.

Doch was, wenn wir beides – Cache und Bild – zusammen denken?
Die Verkündigung zeigt einen Moment der Annahme. Maria sagt „Ja“ zu etwas, das ihr Leben für immer verändern wird. Wir wissen nicht, ob Maria eine Wahl hatte. Aber: In den Residential Schools hatten Indigene Kinder mit Sicherheit keine Wahl. Sie wurden aus ihren Familien gerissen, ihre Kultur sollte ausgelöscht werden – im Namen derselben Religion, die hier als „Heilsbringerin“ auftritt.

Siehst du die Ironie?
Die Lilie in der Hand des Engels steht für Reinheit. Doch in den Schulen, die nach Heiligen wie der heiligen Anna, der Mutter Marias, benannt waren, geschah etwas sehr Schmerzhaftes. Diesen Widerspruch thematisiert unsere gemeinsam mit Duane Linklater erarbeitete Präsentation.

Eine Doppelsirene aus Messing, einst von Hermann von Helmholtz zur Erforschung von Schallwellen genutzt, steht zwischen üppigen Monstera-Blättern. Annette Kelm stellt hier kein wissenschaftliches Gerät aus, sondern ein Objekt, das Technik und Natur in einen stillen Dialog bringt.

Die Sirene, ein Präzisionsinstrument zur Erzeugung von Tönen, wird von den organischen Formen der Blätter umrahmt. Helmholtz nutzte solche Geräte, um Klangphänomene zu erforschen – doch hier wird sie zum ästhetischen Gegenstück zur lebendigen Pflanze. Wie wirken das glatte Metall und die strukturierten Blätter auf dich? Kelm lädt dich ein, die Spannung zwischen kühler Wissenschaft und warmer Natur zu spüren.

Die Spannung wird übrigens noch stärker, wenn du einmal selbst hörst, wie so eine Sirene klingt:
Dieser Link öffnet ein Youtube-Video.
https://www.youtube.com/watch?v=Vv3uuzeLvkQ

Ein prächtiger Garten mit kurvigen Wegen, Hecken und vielfarbig blühenden Blumen. Symmetrische Aufteilung des Gartens, aber Variation in der Bepflanzung.
Heinrich Vogeler, Sommergarten, 1913. Foto: Ingo Bustorff, (c) Kunsthalle Bielefeld

Was spürst du vor diesem Gartenbild? Vielleicht eine große Ruhe? Die hohen Stockrosen in zartem Rosa, die üppigen grünen Blätter – alles wirkt perfekt durchkomponiert, wie ein Traum von Harmonie. Heinrich Vogeler, ein zentraler Künstler der Worpsweder Künstlerkolonie, schuf hier einen Ort der Sehnsucht nach Ordnung und Rückzug.

Drehe dich nun nach rechts – zu Ernst Schumachers Balkonstillleben aus dem Jahr 1948.
Hier siehst du keine idyllische Gartenwelt, sondern eine intime Szene: Eine Vase mit wilden Blumen auf einem Tisch, dahinter ein Balkon mit Blick auf eine industrielle Stadtkulisse. Während Vogeler die Natur als geschlossenen, harmonischen Kosmos inszeniert, zeigt Schumacher die Vergänglichkeit und den Kontrast zwischen Natur und Moderne. Die Blumen wirken fast zufällig gepflückt – ein Moment der Schönheit inmitten der Nachkriegszeit.

Welches Bild spricht dich mehr an?

Ein prächtiger Blumenstrauß in einer kelchartigen Glasvase auf einem Tisch. Viele Tulpen, aber auch ein paar Wiesenblumen.
Gaspar Peeter Verbruggen der Ältere, Stillleben, 1668. Foto: Kunsthalle Bielefeld

Betrachte die üppige Fülle der Blumen in dieser Vase. Rosen, Nelken, Sonnenblumen und viele andere Arten stechen dir sofort ins Auge. Welche Blume erkennst du als Erstes? Im 17. Jahrhundert waren solche Stillleben in den Niederlanden sehr beliebt. Sie zeigten nicht nur die Schönheit der Natur, sondern auch den Wohlstand und das botanische Wissen der Auftraggeber.

Sieh dir die Vase genauer an. Sie ist aus Glas und reflektiert das Licht. Spürst du, wie sorgfältig jede Blume gemalt ist? Damals waren diese Bilder ein Zeichen für Reichtum, denn nur wohlhabende Menschen konnten sich solche Kunstwerke leisten. Die Blumen kamen oft aus fernen Ländern – ein Beweis für die globalen Handelsbeziehungen dieser Zeit. Auch die Blumen selbst konnten sich nur reiche Menschen leisten.

Und was fällt dir am Hintergrund auf? Er ist dunkel gehalten, damit die Blumen noch strahlender wirken.

Vor dem Ausblick in eine weitläufige Landschaft auf einem Tisch ein Blumenstillleben mit zwei Vasen und einer Merkurfigur, die als Lampe funktioniert.
Unbekannt, Stillleben mit Blumen und Merkurfigur als Lampenhalter, ohne Datierung, Foto: Kunsthalle Bielefeld

Betrachte die Figur mit der Kugel auf der linken Seite. Das ist eine kleine Götterstatue – es ist Merkur, der Götterbote und Gott des Handels. Zugleich ist es sehr wahrscheinlich eine frühe elektrische Lampe aus dem späten 19. Jahrhundert. Siehst du, wie das Tageslicht in der Glaskugel schimmert? Die Person, die das Bild gemalt hat, spielt hier mit dem Kontrast: Die elektrische Lampe steht für Fortschritt und Moderne, während der Rest des Bildes an die holländischen Blumenstillleben des 17. Jahrhunderts erinnert, die wir weiter links an der Wand in diesem Raum zeigen.

Wende deinen Blick nun zu den Blumen. Rosen, Nelken, Magnolien – sie sind üppig arrangiert, genau wie in den alten Meisterwerken. Welche Blume fällt dir als Erstes auf? Doch anders als damals, als solche Sträuße Wohlstand und botanisches Wissen zeigten, wirkt hier alles freier kombiniert. Die Lampe und die Blumen scheinen eine Brücke zwischen den Zeiten zu schlagen.

Mitten zwischen den Blumen siehst du eine prächtige Vase und ein Glas. Sie erinnern an die Reichtümer und den Handel vergangener Jahrhunderte. Was, glaubst du, soll uns das sagen? Vielleicht, dass Schönheit und Fortschritt immer wieder neu gedacht werden – und dass die Vergangenheit dabei nicht vergessen wird.

Stell dir vor, du stehst vor einer Landschaft, die nicht idyllisch, sondern von Geschichte durchzogen ist. Anselm Kiefers Werk Waterloo, Waterloo zeigt eine Oberfläche aus Stroh und pflanzlichem Material – wie verbrannte Erde. Hier wird die Schlacht von Waterloo nicht als Heldenerzählung, sondern als Spur von Gewalt sichtbar. 1815 endete hier Napoleons Herrschaft, eine politische Zäsur, die Europa neu ordnete.

Kiefers Materialität lässt dich spüren: Wie fühlt sich diese Last der Geschichte an? Die raue, reliefartige Fläche trägt die Erinnerung an Machtkämpfe und Umbrüche. Was siehst du, wenn du die verbrannte Erde betrachtest? Ist Zerstörung für dich nur Vergangenheit – oder auch ein Zeichen für die Fragilität, also die Zerbrechlichkeit von Macht?

Yto Barrada nimmt sich in ihrer Serie After Stella ein Stück Kunstgeschichte vor: In den 1960ern benannte der US-Künstler Frank Stella seine abstrakten Bilder nach marokkanischen Orten. Dabei nutzte er Ornamente und Formen, die er dort fand. Das hat er jedoch nicht kenntlich gemacht. Barrada antwortet darauf, indem sie Textilien mit Pflanzenfarben aus ihrem eigenen Garten färbt. Die Tanger-Iris, eine widerstandsfähige Blume an Stadträndern, wird hier zum Symbol. Sie steht für Widerstand, aber auch für Bedrohung – genau wie viele Indigene Traditionen, die oft unsichtbar bleiben.

Wie verbindest du das mit Duane Linklaters Werk?
Bei Linklater geht es auch um die Aneignung und Rückeroberung von Kultur. Beide Künstler*innen fragen: Wer darf Geschichten erzählen? Und: Wie können wir vergessene Perspektiven sichtbar machen?

Gallerie

Eine Struktur aus Baugerüstteilen mit zwei Treppen, zwei unteren Holzböden und einem Holzboden oben als Verbindung der Treppen. Daran befestigt mehrere Kleidungsstücke. Oben ein teilweise bemalter Stuhl. Unten ein teilweise demontierter, orange angesprayter Schrank. Eine Zeichnung, ein kleines Gemälde, ein großer Steinblock.
Duane Linklater. mâcistan. Installationsansicht Kunsthalle Bielefeld. Foto: Philipp Ottendörfer
Auf einem Holzboden aus groben Dielen liegt ein Stein, etwa so groß wie ein großer Blumenkohl. Dahinter hängt an einer senkrechten Stahlstange eine Jacke in Blau mit ausgebleichten Stellen. Daran eine transparente Folie.
Duane Linklater. mâcistan. Installationsansicht Kunsthalle Bielefeld. Foto: Philipp Ottendörfer
Ein aus Lehm geformter Kranich, raumhoch, bilckt aus dem deckenhohfen Fenster in einem Museumssaal.
Duane Linklater. mâcistan. Installationsansicht Kunsthalle Bielefeld. Foto: Philipp Ottendörfer
Blick in zwei Ausstellungsräume. Rechts an der Wand ein abstraktes Bild mit einer Familienszene (Vater, Mutter und Baby), links im Raum eine große Gerüststruktur, behängt mit Gemälden und grünem transparentem Stoff.
Duane Linklater. mâcistan und Blick in die Sammlung Nr. 12: Blumen überall. Installationsansicht Kunsthalle Bielefeld. Foto: Philipp Ottendörfer
Ein Babyschuh aus hellem Leder auf einer schräg an der Wand montierten Halterung, bestickt mit Perlen, die Blattformen und stilisierte Schneeflocken bilden.
Duane Linklater. mâcistan. Installationsansicht Kunsthalle Bielefeld. Foto: Philipp Ottendörfer
Eine Gerüstkonstruktion in einem Ausstellungsraum. Am Gerüst hängen ein großes Gemälde in Rot und Pink auf einem weißen Stoff. Innen sind Möbel und Basketbälle zu erkennen. Oben zwei Trommeln.
Duane Linklater. mâcistan. Installationsansicht Kunsthalle Bielefeld. Foto: Philipp Ottendörfer
Eine Gerüstkonstruktion in einem Ausstellungsraum. Am Gerüst hängen zwei große farbige Netze, darauf mehrere Gemälde. Innen wohl Möbel.
Duane Linklater. mâcistan. Installationsansicht Kunsthalle Bielefeld. Foto: Philipp Ottendörfer
Detail einer Struktur aus Baugerüstteilen: Eine Stahltreppe mit einem kleinen Gemälde in Rot- und Orangetönen. Es sieht sehr gekrickelt aus, ein Gegenstand ist nicht erkennbar.
Duane Linklater. mâcistan. Installationsansicht Kunsthalle Bielefeld. Foto: Philipp Ottendörfer
Eine Struktur aus Baugerüstteilen in einem Museumsraum, symmetrisch: Links und rechts Holzböden, dann zur Mitte je eine Stahltreppe, mittig auf gut 2 Metern Höhe ein Holzboden, darauf ein Stuhl und ein angelehntes Gemälde im Hochformat. Am gesamten Gerüst sind mehrere Kleidungsstücke verteilt: Eine Baseball Cap, ein Anzug, zwei Jacken.
Duane Linklater. mâcistan. Installationsansicht Kunsthalle Bielefeld. Foto: Philipp Ottendörfer
Detail einer gerüstartigen Struktur. Daran befestigt Stoffe und eine Zeichnung. Ins Auge fällt ein gelbes Fußballtrikot mit einer grünen 10, darüber der Schriftzug DUANE.
Duane Linklater. mâcistan. Installationsansicht Kunsthalle Bielefeld. Foto: Philipp Ottendörfer
Eine Struktur aus Baugerüstteilen auf Rollen. Der obere Teil ist weiß verhüllt. An der Struktur sind vertikal befestigt: Ein Teppich mit abstraktem Muster, ein blauer Stoff, eine Holzplatte, darauf eine Zeichnung und ein oranger Strefen Sprühfarbe, ein Kupferblech. Ganz oben eine Baseballjacke, darauf eine Zeichnung mit roten Blitzen.
Duane Linklater. mâcistan. Installationsansicht Kunsthalle Bielefeld. Foto: Philipp Ottendörfer
Direkt an einer Wand liegen auf dem Boden 9 Stücke von Bohrkernen aus Stein. Rechts daneben eine fast quadratische Anordnung von Holzwürfeln, die etwa 20 x 20 cm groß sind. Teilweise ist Sprühfarbe darauf zu sehen.
Duane Linklater. mâcistan. Installationsansicht Kunsthalle Bielefeld. Foto: Philipp Ottendörfer
Eine Struktur auf Baugerüstteilen in einem Museumsraum. Blick auf die schmale Seite: Unten ein Holzpodest mit kleiner oranger Skulptur, links hängt ein Sakko mit Plastikschutz, teilweise orange besprüht. Dahinter eine Stahltreooe, oben ein Holzplateau. Darauf ein Stuhl. Ganz oben ein weiteres Plateau, darauf liegt am Rand vermutlich ein Kleidungsstück.
Duane Linklater. mâcistan. Installationsansicht Kunsthalle Bielefeld. Foto: Philipp Ottendörfer
Auf einem Holzboden eine kleine spiralförmige Struktur mit einer Art Leiter darin. Grundmaterial weiß, eine Seite leicht orange angesprüht.
Duane Linklater. mâcistan. Installationsansicht Kunsthalle Bielefeld. Foto: Philipp Ottendörfer
Detailaufnahme eines Baugerüsts in einem Museumsraum: Eine Stahltreppe führt zu einem Holzplateau. Auf der Treppe und unter dem Plateau ein kleines und ein großes Gemälde mit Orange und Violett. Das große mit einer Zeichnung: Ein Fantasiewesen mit menschlichen Proportionen, aber einem Echsenkopf und einem Flügel.
Duane Linklater. mâcistan. Installationsansicht Kunsthalle Bielefeld. Foto: Philipp Ottendörfer