LichtBlicke
in die Sammlung #11

Wie beeinflusst Licht unsere Wahrnehmung von Raum und Zeit? Welche künstlerischen, philosophischen und gesellschaftlichen Bedeutungen kann es haben? Und wie verändert sich unser Umgang mit Licht durch digitale Technologien?
Licht macht sichtbar, schafft Atmosphäre und prägt, wie wir Räume und Formen wahrnehmen. Seine Rolle in der Kunst wandelte sich stark im Laufe der Jahrhunderte. LichtBlicke zeigt, wie Künstler*innen Licht als gestaltende Kraft, als Sinnbild und als sichtbares Thema nutzen.
Licht erscheint in der Sammlungspräsentation auf unterschiedliche Weise: als Medium, als Motiv, als Metapher.
Als Medium wird es selbst zum Material der Kunst – in Projektionen, Spiegelungen oder Leuchtkörpern wird Licht räumlich erfahrbar und verwandelt sich in Energie, Bewegung und Wahrnehmung. Als Metapher steht es für Erkenntnis, Spiritualität oder Hoffnung, aber auch für Macht und Vergänglichkeit. Als Motiv schließlich wird Licht zum Gegenstand der Darstellung. In Malerei, Fotografie oder Grafik untersuchen Künstler*innen, wie sich Licht einfangen, bannen oder inszenieren lässt – zwischen flüchtiger Erscheinung und dauerhafter Form.
Die Sammlungspräsentation wird im Kontext der Ausstellung Alles Licht. Light and Space gestern und heute gezeigt.
Die Werke in diesen Beiträgen stammen aus unserer Sammlung und zeigen, wie unterschiedlich Künstler*innen mit dem Thema Licht in verschiedenen Kunststilen und Epochen umgegangen sind.
Weitere Stationen, die sich spezifisch mit den Werken aus der Ausstellung Alles Licht. Light and Space gestern und heute beschäftigen, finden Sie hier.
Große, fließende rosa Formen voller Punkte oder Augen breiten sich auf der fast quadratischen Leinwand aus. Die strengen Rechtecke sind fast wie fallende Blöcke angeordnet. Auf und zwischen ihnen scheinen cartoonhafte Wesen, vielleicht Fische oder Vögel, zu spielen. Die Formen sind miteinander verbunden, nichts steht isoliert, alles scheint in Bewegung. Sogar die Farbgebung scheint sich zu verändern.
Wie dieser Effekt erreicht wird, ist besonders spannend: Die Künstlerin hat eine spezielle Interferenzfarbe verwendet. Je nachdem, wie Du Dich vor dem Werk bewegst, verändert sich die Farbe der rosa Flächen – manchmal leuchten sie intensiv, aus anderen Blickwinkeln werden sie ganz grau und unscheinbar. So fordert das Bild Dich regelrecht zum Mitmachen auf: Deine eigenen Bewegungen bestimmen den Wechsel des Lichts und wie Du das Kunstwerk wahrnimmst.
Charline von Heyl gehört heute zu den bedeutendsten zeitgenössischen Malerinnen. Sie wurde 1960 in Mainz geboren und wuchs in Bonn auf. Nach ihrem Studium bei Jörg Immendorff und Fritz Schwegler zog sie 1994 nach New York. Hier und in Marfa, in Texas, lebt sie seitdem. Von Heyl hat die traditionelle Malerei nicht aufgegeben, sondern fragt neu, was Malerei eigentlich ist. Sie schafft Werke mit großer intellektueller Schärfe, aber auch mit Witz und spielerischen Elementen. Es sind vor allem Bewegung und der Wechsel von Richtung und Geschwindigkeit, die von Heyl faszinieren. Sie selbst sagt: „Keine andere Kunstform bietet diese unterschiedlichen Tempi gleichzeitiger Wahrnehmung.“ Mit dieser Philosophie schafft sie Werke, die an der Oberfläche der Leinwand bleiben und gleichzeitig tiefe Bedeutungen offenbaren – magisch und rätselhaft. Das zeigt „Bunny Hex“.
Text: Matthias Albrecht
Eingesprochen von: Matthias Albrecht
Aufnahme, Schnitt und technische Umsetzung: Matthias Albrecht, Nadine Kleinken (Digitale Museumspraxis Kunsthalle Bielefeld)
Stell dir vor, Du sitzt im Autokino und wartest darauf, dass der Film beginnt. Dann passiert etwas Ungewöhnliches: Auf der Leinwand siehst Du nicht den Film selbst, sondern das reine Licht des Filmprojektors. Genau das zeigt dir Hiroshi Sugimoto mit dieser Fotografie. Der japanische Künstler hat folgendes gemacht: Er hat seine Kamera im Kino aufgestellt und den ganzen Spielfilm in genau einem Foto festgehalten. Denn die Belichtungszeit des Fotos war genauso lang wie der Film– zwei Stunden. Das bedeutet: Das Licht aus den einzeln nacheinander projizierten Filmbildern wird gesammelt. Es verschmilzt in diesem einen Foto zu einem einzigen, strahlend weißen Rechteck. Der Filminhalt ist weg, aber etwas anderes wird plötzlich sichtbar – die leere Fläche der Leinwand, die Lichtspuren von Flugzeugen am Himmel und die umliegende Landschaft bei Nacht. Der Künstler selbst hat einmal über diesen Effekt gesagt: „Ich stellte mir das sehr interessant und geheimnisvoll vor, gewissermaßen sogar religiös.“
Sugimoto macht damit etwas Grundsätzliches deutlich: Licht ist nicht einfach nur da. Licht ist das Material selbst, mit dem wir Bilder schaffen. Denn wenn keine Lichtquelle vorhanden ist, kann auch kein Foto und keine Filmaufnahme gemacht werden. Auch auf der Kinoleinwand oder digitalen Bildschirmen werden Bilder erst durch Licht sichtbar.
Sugimotos Werk verbindet zwei Ideen aus der „Alles Licht“-Ausstellung: Licht wird zum Material und zur Botschaft zugleich. Das ist ganz im Sinne des Light and Space Movement der 1960er Jahre, das Licht nicht nur als Mittel einsetzt, sondern als eigenständiges künstlerisches Medium.
Weitere Werke aus der Theaters Reihe von Hiroshi Sugimoto gibt es im KB Kosmos zu entdecken.
Text: Matthias Albrecht
Eingesprochen von: Nadine Kleinken
Aufnahme, Schnitt und technische Umsetzung: Matthias Albrecht, Nadine Kleinken (Digitale Museumspraxis Kunsthalle Bielefeld)

Du schaust hier auf ein Gemälde voller Licht und Farbe – „Jeanne à l’ombreille, Cavalière“, entstanden 1906 an der französischen Mittelmeerküste. Zu sehen ist Henri Manguins Frau Jeanne, die unter knorrigen Bäumen sitzt und die Sonne mit ihrem orangenen Sonnenschirm auffängt. Beachte, wie das warme gelbliche Licht ihr linkes Bein erfasst, während der Rest der Figur in kühlen Violett- und Blautönen gehalten ist. Der Sonnenschirm – in intensivem Orange gemalt – wird selbst zur Lichtquelle, zum Leuchtpunkt des Bildes. Und siehst Du das hellblaue Meer im Hintergrund? Alles zusammen ergibt eine Szene, die von südlicher Wärme und leuchtender Farbkraft durchdrungen ist.
Manguin gehörte zu den Fauves, auf Deutsch: den „Wilden“. Das war eine revolutionäre Künstler*innengruppe zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Sie wollten mit reinen, leuchtenden Farben Empfindungen ausdrücken und nutzten Licht auf neue Weise. Vor den Fauves hatte der Impressionismus des 19. Jahrhunderts – etwa bei Claude Monet – noch versucht, die Wirkung des natürlichen Lichts so getreu wie möglich abzubilden. Impressionist*innen erforschten, wie sich Farben unter verschiedenen Lichtverhältnissen verändern. Zuvor war das anders: Die Künstler*innen im Barock etwa 200 Jahre vorher nutzten Licht dramatisch, um Tiefenwirkung und Erhabenheit zu schaffen.

Bei Manguin und den Fauves wird das Licht befreit: Es ist nicht einfach nur ein Mittel, um Gegenstände sichtbar zu machen. Es muss nicht dokumentieren, es muss nicht dominieren. Stattdessen wird Licht zur unmittelbaren Ausdruckskraft – die pure Freude am Leuchten, die emotionale Wahrnehmung des Augenblicks. Wie bei den Künstler*innen der „Alles Licht“-Ausstellung wird Licht nicht nur als Helligkeit, sondern als eigenständiges künstlerisches Medium verstanden. Es schafft Atmosphäre und verändert, wie wir die Welt wahrnehmen. Hier, bei Manguin, spürst Du das bereits: Der Künstler teilt mit dir nicht eine Abbildung, sondern eine Empfindung – die Erfahrung von Licht selbst.
Text: Matthias Albrecht
Eingesprochen von: Matthias Albrecht
Aufnahme, Schnitt und technische Umsetzung: Matthias Albrecht, Nadine Kleinken (Digitale Museumspraxis Kunsthalle Bielefeld)
Die weiße schmale Kreiskontur, umgeben von Schwarz, erinnert Dich vielleicht an die Abbildung einer Sonnenfinsternis. Otto Piene richtet seinen Fokus häufig auf die Sonne als reines, kraftvolles Symbol. Aber woher kommt diese Ästhetik?
Piene war einer der Gründer*innen der ZERO-Bewegung, die 1957 in Düsseldorf entstand. ZERO bedeutet wörtlich „Nullpunkt“. Gemeint ist ein Neubeginn in der Kunst nach den Wirren des Zweiten Weltkriegs, eine Zone der Stille und Konzentration, aus der etwas Neues entstehen kann. Piene und seine Kolleg*innen wollten die Kunst befreien von der emotionalen Schwere, die damals vielfach in der deutschen Gesellschaft herrschte. Sie suchten Reinheit, Einfachheit, Reduktion auf das Wesentliche. Licht, Luft, Feuer – das waren ihre neuen Materialien.
Otto Piene wählt für seine Werke aus den Naturelementen oft das Feuer aus. Er schafft ab den 1960er Jahren Feuerbilder, bei denen Flammen die eigentlichen Künstlerinnen sind: Mit ihren/m Rauch hinterlassen sie natürliche Spuren auf der Leinwand – unvorhersehbar, lebendig, kraftvoll. Hier, im Siebdruck, übersetzt Piene diese Energie in eine andere Sprache. Er spielt auf die Sonne an, als Urform, als Konzentration aller Energie. Für Piene stand die Sonne für Leben, für Licht, für das Höchste und Reinste. Sie ist nicht nur Motiv – sie ist Sinnbild seiner ganzen künstlerischen Philosophie: Konzentration auf das Wesentliche, ein Neubeginn aus dem Nichts.
Text: Matthias Albrecht
Eingesprochen von: Nadine Kleinken
Aufnahme, Schnitt und technische Umsetzung: Matthias Albrecht, Nadine Kleinken (Digitale Museumspraxis Kunsthalle Bielefeld)