Blumen überall

Blick in die Sammlung #12

Der gelb-orange Hintergrund und der bildfüllende Blumenstrauß sind mit breiten Pinselstrichen gemalt. Sie wirken schnell und dynamisch. Das Rot der Blüten und das Blau und Grün der Blätter und Stängel treten kräftig hervor. Alles ist abstrahiert und am Bildrand wirkt es so, als gäbe es einen eingerissenen Papierrand.
Christian Rohlfs, Gladiolenstrauß, 1919, Aquarell auf Papier, Kunsthalle Bielefeld

Blumen überall: Blick in die Sammlung #12 steht in direktem Dialog mit der Ausstellung mâcistan von Duane Linklater. Gemeinsam mit dem Künstler haben die Kurator*innen Werke aus der Sammlung der Kunsthalle ausgewählt, in denen florale Motive weit mehr sind als dekorative Elemente. Ausgehend von Linklaters künstlerischer Auseinandersetzung mit Geschichte, Sammlung und kolonialen Verflechtungen richtet dieser Sammlungsblick den Fokus auf Blumen als Trägerinnen von Erinnerung, Austausch und Widerstand. Sie verweisen auf Beziehungen zwischen Europa und dem Norden Amerikas, zwischen Museum und Gemeinschaft, zwischen Vergangenheit und Gegenwart.

Europäische Expansion: Handel und Macht

Im 18. und 19. Jahrhundert erreichte unter anderem der europäische Pelzhandel das heutige Kanada und die angrenzenden Gebiete. Doch dieser Handel war nicht gleichberechtigt. Er geschah in einer Zeit, in der europäische Mächte ihre Herrschaft ausweiteten und koloniale Strukturen festigten.
Für viele Indigene Gemeinschaften bedeutete das Verlust, Verdrängung und Unterdrückung. Ihnen wurde das Land genommen, auf dem sie lebten und arbeiteten. Sie wurden von europäischen Mächten wirtschaftlich ausgebeutet und politisch entrechtet. Ihre traditionellen Lebensweisen wurden systematisch verdrängt, und über Generationen hinweg überlieferte Praktiken wurden verboten und unter Strafe gestellt. Kinder wurden ihren Familien entrissen. Diese gezielte Zerstörung sozialer Strukturen und die angewendete Gewalt führten in vielen Regionen zu massiven Bevölkerungsverlusten. Diese Entwicklungen gelten heute als Form von Genozid, also als systematische Zerstörung von Gemeinschaften.

Florale Muster als kulturelle Übersetzung

Duane Linklater ist Mitglied der Moose Cree First Nation. Diese Indigene Gemeinschaft hat ihre Heimat hauptsächlich in der südlichen James Bay-Region des heutigen Kanadas. Für die Moose Cree bot eine neue Handelsbeziehung Indigenen Künstler*innen die Möglichkeit, neue Motive zu entwickeln und mit neuen Materialien zu arbeiten.
Mit dem europäischen Pelzhandel kamen auch neue Waren wie Glasperlen, Stoffe und Blumenmuster – Motive, die in Europa schon lange verbreitet waren.  Moose Cree-Künstler*innen griffen die neuen Materialien auf und machten sie zu etwas Eigenem. Blumenmuster wurden nicht einfach übernommen, sondern weitergeführt und neu gestaltet. In der Perlenstickerei verbanden sich Glasperlen aus Europa mit Indigenem Wissen, mit Erinnerungen, mit Beziehungen zum Land und zu den Vorfahr*innen. Die neuen floralen Motive wurden zu einem starken Zeichen tief verwurzelter kultureller Identität. Sie erzählen von Austausch und Kolonialgeschichte – aber auch von Widerstandskraft, Kreativität und Kontinuität.

Künstler*innen: u.a. Yto Barrada, Heinrich Campendonk, Albrecht Dürer, Max Ernst, Fischli Weiss, Annette Kelm, Anselm Kiefer, Konrad Lueg, August Macke, Goshka Macuga, Germaine Richier, Christian Rohlfs, Hermann Stenner